Schulstreik – Friedenstag – Ostermarsch !
Jegliche antimilitaristische Aktivität für eine friedliche Entwicklung unterstützen!
Wie Gestern – Heute – für Morgen !
Zunächst sei ein Blick in die Vergangenheit erlaubt, der so aktuell erscheint, daß ich mich beim Lesen und Vortragen zum Friedenstag am 5. März 2026 erschrocken habe.
Was haben wir wirklich aus der Geschichte gelernt?
Kurt Tucholsky
Drei Minuten Gehör!
Drei Minuten Gehör will ich von euch, die ihr arbeitet!
Von euch, die ihr den Hammer schwingt,
von euch, die ihr auf Krücken hinkt,
von euch, die ihr die Feder führt,
von euch, die ihr die Kessel schürt,
von euch, die mit treuen Händen
dem Manne ihre Liebe spenden
von euch, den Jungen und den Alten
Ihr sollt drei Minuten inne halten.
Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.
Wir wollen und einmal erinnern.
Die erste Minute gehöre dem Mann.
Wer trat vor Jahren in Feldgrau an?
Zu Hause die Kinder – zu Hause weint Mutter...
Ihr: feldgraues Kanonenfutter!
Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben.
Dort saht ihr keinen Fürstenknaben:
der soff sich einen in der Etappe
und ging mit den Damen in die Klappe.
Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt.
Wart ihr noch Gottes Ebenbild?
In der Kaserne – im Schinderhaus
wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus.
Der Offizier war eine Perle,
aber ihr wart nur „Kerle“!
Ein elender Schieß- und Grüßautomat.
„Sie Schwein! Hände an die Hosennaht!“
Verwundete mochten sich krümmen und biegen:
kam ein Prinz, dann hattet ihr stramm zu liegen.
Und noch im Massengrab wart ihr Schweine:
Die Offiziere lagen alleine!
Ihr wart des Todes billige Ware.
So ging das vier lange blutige Jahre.
Erinnert ihr euch?
Die zweite Minute gehöre der Frau.
Wem wurden zu Hause die Haare grau?
Wer schreckte, war der Tag vorbei,
in den Nächten auf mit einem Schrei?
Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen,
der anstand in langen Polonaisen,
indessen Prinzessinnen und ihre Gatten
alles, alles, alles hatten?
Wem schrieben sie einen kurzen Brief,
daß wieder einer in Flandern schlief?
Dazu ein Formular mit zwei Zetteln,
wer mußte hier um Renten betteln?
Tränen und Krämpfe und wildes Schrein.
Er hatte Ruhe. Ihr wart allein.
Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel.
So sah sie aus, die wunderbare
Große Zeit – vier lange Jahre.
Erinnert ihr euch?
Die dritte Minute gehört den Jungen!
Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen!
Ihr wart noch frei! Ihr seid heute frei!
Sorgt dafür, daß es immer so sei!
An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun
von Millionen deutschen Männern und Fraun.
Ihr sollt nicht strammstehen. Ich sollt nicht dienen!
Ich sollt frei sein! Zeigt es ihnen!
Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen:
Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen!
Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten!
Keine Monokel-Potentaten!
Keine Orden! Keine Spaliere!
Keine Reserveoffiziere!
Ihr seid die Zukunft!
Euer das Land!
Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
Wenn ihr nur wollte, seid ihr alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!
Nie wieder Krieg...
Am 5. März, dem Chemnitzer Friedenstag, das Datum an dem 1945 unsere Heimatstadt durch US-amerikanische und britische Bomben in Schutt und Asche versank, mahnt und verpflichtet. Der Tag an dem 1933 durch die „letzte freie“ Wahl in Chemnitz nicht die deutschen Faschisten obsiegten und trotzdem an die Macht gehievt wurden, mahnt und verpflichtet. Zwölf Jahre später kehrte das Schrecken an seinen Ausgangspunkt zurück, am 8. Main wurde unser Land befreit und es wurde der Grundstein für eine friedliche Entwicklung gelegt.
Heute müssen wir um den Frieden genauso ringen, wie in unserer jüngeren Geschichte. Und genau betrachtet hat sich prinzipiell nichts geändert. Die Form der Propaganda und des Kriegsgeschreis ist nur noch intensiver und allumfassender geworden. Moderne Medien und Gesinnungsjournalismus tragen massiv dazu bei, einen neuen Militarismus zu schaffen.
Dieser ist gegen die Interessen der Mehrheit der Menschen in unserem Land, gegen das Land selbst gerichtet.
Wir wollen das nicht haben, daß uns eingeredet wird, wir müßten kriegstüchtig sein!
Nein! Friedensfähigkeit und Wille zur friedlichen Koexistenz sind das Gebot der Stunde!
Unsere Aktivitäten zum Chemnitzer Friedenstag sind ausbaufähig. Dabei sind wir nicht an ein Datum gebunden, bringen uns ein im Rat der Stadt und auf den Straßen und Plätzen.
Zuspruch erhiehlten wir von Chemnitzerinnen und Chemnitzern, die sich für die Zeilen von Kurt Tucholsky explizit bedankten, mit Fotos des zerstörten Chemnitz oder unmittelbar betroffen vom abgebrannten Elternhaus zu uns kamen, um ihre Familiengeschichten mit uns zu teilen.
Fragen haben uns erreicht, wie es gelingen kann, daß Enkel, Kinder, Freunde, Mitschüler der Musterung entgehen können.
Wir haben diskutiert, wie eine friedliebende Gesellschaft, eine Armee und Heimatschutz aussehen können.
Am 5. März 2025, auf dem Weg von der Innenstadt zu meiner Dienststelle, standen auf den Gleisen des Hauptbahnhofes Güterzüge mit Kriegsgeräten und setzten sich wie dunkle Schatten vom Abendhimmel ab. Eine bedrohliche Kulisse, die mich an Photos aus meinem Archiv „Chemnitzer Kriegsspuren“ erinnerten. Auch da spielt der Bahnhof eine Rolle, zu sehen sind Männer die nach der Einberufung zur Wehrmacht in Richtung Tunnel gehen, um mit den Zügen einem ungewissen Schicksal entgegen zu fahren. Bis heute finden wir an Hauswänden die Markierungen für den „Luftschutz“.
Menschen, die den letzten großen Krieg in unserem Land noch erlebten, wurden auch in diesem Jahr zu Gesprächsrunden eingeladen. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse sind Aufruf, jeglichen Militarismus abzuwehren.
Dabei ist in Chemnitz am 5. März 2026 eine neue Bedrohungskulisse allgegenwärtig, massive Werbung für einen vermeindlich guten Dienst in der Bundeswehr – pure Propaganda an allen Haltestellen und Großwerbeflächen.
Hier sollte dringlich Jugendschutz Anwendug finden, wie bei Werbung für Tabak und Alkohol, wenn es denn ernst gemeint ist, Jugend zu schützen! Zudem ist angeraten auf Risiken und Nebenwirkungen des „Jobs“ hinzuweisen!
Von einem Oberbürgermeister für den Frieden, ist im Alltag der Stadt bedauerlich wenig zu spüren!
Offensichtlich sind zu viele Generationen schon im Frieden aufgewachsen, als daß die Erinnerungen an den Krieg fortleben und warnend wirken. Offensichtlich greifen die Narative, die Geschichten der alten Bundesrepublik im ganzen Land, um Feindbilder zu prägen auch wenn der „Osten“ sich noch ziert.
Warum eigentlich rufen die Parteiführer der Kriegsbefürworter nicht ihre gleichgesinnten Mitglieder auf, sich freiwillig und sofort für jeglichen Einsatz zu melden, Politikerinnen und Politiker, Minister und Ministerinnen voran! Dabei können sie die Chefs der Rüstungskonzerne und entsprechende Lobbyistinnen und Lobbyisten gleich mitnehmen, Vertreterinnen und Vertreter aus der Forschung für Kriegsgerät sollten nicht vergessen werden. Genauso Jene nicht, die unsere Kinder und Jugendlichen verheizen wollen, in dem sie der Kriegstüchtigkeit in den Klassenzimmern der Schulen das Wort reden und Sportlerinnen und Sportler einladen, die dann ihre Bundeswehr-Autogrammkarten an Achtjährige austeilen.
Nein, ich bin nicht dafür diese als Kanonenfutter zu entsenden, und die Autoaufkleber „Grüne an die Ostfront!“ bereiten mir keine große Freude, obwohl ich die Wut der Ohnmacht verstehen - nachvollziehen kann.
Nur das Bild von Krieg und Frieden wäre sicher ein anderes, wenn sie selbst verantwortlich gemacht werden könnten.
Und wir müssen sie in die Verantwortung zwingen!
Der Chemnitzer Kommunist und Antifaschist, entschiedener Kriegsgegner, zu Beginn des 1. Weltkrieges noch Anhänger der SPD, schrieb bereits nach wenigen Monaten im Schützengraben an seine Schwester im Oktober 1915:
„Wir sind alle so sehr kriegsmüde, dass man es gar nicht begreift warum es so
weiter geht. Wohl auch den meisten Franzosen wird es eben so gehen, denn
sie laufen sehr oft über. Wenn die Herren Kriegsmacher mal einen Tag in den
Graben steckten, würden sie vielleicht bald Frieden schließen. Auf ein baldiges
Wiedersehen. Dein lieber Bruder Ernst.“
Jeden Tag, dies seit Jahren, gibt es massive Vorschläge den Sozialstaat abzubauen, meist als Reformen verkauft, weil dieser angeblich nicht mehr zu finanzieren wäre, „wir“ über unsere Verhältnisse leben würden. Doch für jedwede absurde Maßnahme zur Aufrüstung gibt es finanzielle Spielräume in Größenordnung.
Auch dagegen müssen wir uns wehren.
Wir – nicht die „Oben“ bezahlen mit Verlust an Lebensstandart und sozialer Absicherung jede kriegerische Aktivität der Herrschenden, ob in der Ukraine, im Iran, in Palästina und sonstwo auf der Welt.
Aktuell steht erneut unser Gesundheitswesen unter Beschuß.
Wir dürfen das nicht dulden und müssen uns dagegen wenden.
Im übrigen verursachen Kriege massive Kosten im Gesundheitssystem und binden Resourcen für die Versorgung der Zivilbevölkerung.
Seit den 1990er Jahren und den ersten Einsätzen der Bundeswehr im Ausland, gibt es Opfer zu beklagen, direkt und indirekt.
Bei meiner Arbeit im Krankenhaus sind mir diese Fälle untergekommen.
Folgen sind langjährige Behandlungen körperlicher als auch seelischer Schäden und nicht selten erfolglos. Chronische Verläufe und Frühberentung sind die Ergebnisse mit allem was dies für den Veteranen selbst und seine Angehörigen bedeutet.
Ich unterstütze alle gewaltfreien Aktivitäten für eine friedliebende Entwicklung unseres Landes weil:
- ich die Geschichten aus dem 2. Weltkrieg die mir Urgroßvater und Großmutter erzählt haben verinnerlicht habe und selbst kein solches Schicksal teilen möchte,
- meine grundhafte Erziehung in der Gesellschaft der DDR zum Frieden, Spuren hinterlassen hat,
- wir selbst zum „Schulstreik“ während des Irak-Krieges aufgerufen haben und demonstrierten, vom Unterricht ausgesperrt und Maßnahmen angedroht wurden, die einen Schulabschluß gefährdeten, übrigens damals schon in Verbindung mit den sozialen Kämpfen in unserer ostdeutschen Heimat,
- mich die Erzählungen von Justin Sonder, Joseph Eisenbauer, Erich Knorr, Marga Simon, Edith Heinrich und vieler anderer Verfolgter des Naziregimes geprägt haben, in ihrer konsequenten humanistischen, pazifistischen Haltung[1],
- Rüstung und Krieg Umwelt zerstören und Grundlagen und Ressourcen der Erde und somit unseres Lebens vernichten,
- die Folgen von Krieg und Krieg, ich in Jugoslawien selbst für einige Tage gesehen habe und bis heute froh bin, daß wir schon damals gegen diesen Krieg der NATO aktiv waren,
- meine Kinder, Familie, Freunde, Kolleginnen und Kollegen nicht den Gefahren von Krieg und Vernichtung ausgesetzt sein sollen, die zu verhindern wären,
- es keine glaubwürdigen Argumente gibt, die kriegerische- und rüstungspolitische Maßnahmen als Friedenssicherung begründen – Vergangenheit und Gegenwart lehren das Gegenteil,
- die eurozentristische Sicht auf die Welt, die Geschichten vom Führungsanspruch von USA und NATO überholt und falsch sind und keine Grundlage für einen weltweiten Frieden sein können,
wir uns selbst um uns kümmern müssen!
Und das Leben zu kostbar ist, um es dem Schicksal zu überlassen![2]
[1]Justin Sonder überlebte mehrere Konzentrationslager und Todesmärsche, wurde kurz vor Lebensende Ehrenbürger unserer Stadt und hat gemeinsam mit anderen jungen Antifaschisten 1945 die Siegessäule in Chemnitz als Wahrzeichen des deutsche Militarismus abgerissen, Joseph Esienbauer war ein Maler und Spanienkämpfer aus Österreich, bei einem Interview mit meiner Frage, ob er heute wieder mit der Waffe in der Hand kämpfen würde, verneinte er absolut, denn es gibt Nichts für das es sich lohne, das Leben aufs Spiel zu setzen, Erich Knorr war in der NS-Zeit u.a. in Waldheim inhaftiert und folgend in das Strafbataillon 999 gepreßt worden, mußte Erschießungen von Zeugen Jehovas beiwohnen, die sich nicht in die Wehrmacht einziehen ließen und trotzdem bei der Frage nach dem politischen Vorgehen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anriet: „Bedenke, der Feind ist auch ein Mensch.“, Marga Simon, geboren 1920 in Chemnitz, unterstützte ihren Vater Ernst Enge während der Verfolgungszeit, nachdem er untertauchen mußte und ist bis heute eine überzeugte Kriegsgegnerin, Edith Heinrich überlebte mit ihrer Mutter in der Illegalität in Breslau und hat sich fortan nach 1945 für Frieden und Verständigung eingesetzt.
[2]Zitiert nach Käpt´n Blaubär von Walter Moers

