Ein Herz über Chemnitz
Heute am Morgen, es war gegen viertel sieben, als ich mein KFZ von der Nachtschicht weg Richtung des Hofs die Dresdner Straße zur Innenstadt lenkte und über den Dächern der Stadt ein, zwar schwaches, doch deutlich sichtbares Herz leuchtete.
Lange überlegen brauchte ich nicht, die „Chemnitz-Skyline“ bietet kaum Spielraum für Unklarheit und Fragen, es musste das Congress-Hotel sein, dessen beleuchtete Zimmer ein Herz in den Himmel formten. Dabei sind Leuchtzeichen vom Hotel durchaus in der Vergangenheit öfter schon zu sehen gewesen. Die Motive waren verschieden. Eine Tanne in der Adventszeit z.B. oder Buchstaben. Zumeist war es Werbung, um auf das Hotel aufmerksam zu machen, denn es brauchte Gäste, und die Zeiten waren wohl seit 1990 kaum wirklich rosig.
Wie einem Artikel der Tageszeitung „Junge Welt“ zu entnehmen ist, wechselte der Betreiber seit dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik ganze elf Mal. Zuletzt zeichnete Maya Hotel Operations GmbH, eingetragen seit 2021 mit Sitz in Berlin, verantwortlich. Seit Ende des Jahres 2023 hatte die GHC Hotel Group das Objekt übernommen und die Betreibergesellschaft beauftragt. In Besitz hat die Immobilie im Übrigen Aroundtown S.A., eine Firma, die mit der „Frankfurt-am-Main-Skyline“ wirbt und mit; „wir übernehmen Verantwortung für unser Tun und unsere Wirkung“ und „wir handeln heute mit Blick auf morgen“. Bei Stellenangeboten und Ausbildung so: „Warum Aroundtown – weil du bei uns echte Wirkung hast und mitgestaltest, wie wir Städte weiterentwickeln.“
Aktuell wirbt man im Internet wie folgt noch für geneigte Besucher: „Congress Hotel Chemnitz ist das optimale Hotel für Geschäftsreisende, Messebesucher, Touristen und Wochenendurlauber, die Chemnitz und das nahegelegene Erzgebirge erkunden wollen. Mit seiner Ausstattung wird das Congress Hotel Chemnitz allen Bedürfnissen gerecht: Es bietet 226 moderne Zimmer mit großzügigem Schreibtisch, Flachbild-TV, Sitzecke und eigenem Bad sowie Panorama-Restaurant in der 26. Etage und kostenfreies WLAN im gesamten Haus. Für Ihre Konferenz oder Tagung verfügt das Hotel über insgesamt 10 Konferenz- und Veranstaltungsräume für Tagungen & Events mit bis zu 350 Teilnehmern. Durch den direkten Zugang zur Stadthalle Chemnitz ist eine Erweiterung auf bis zu 2.000 Teilnehmer möglich.“
Wenn das so ist, warum also schließen?
Dazu ist wenig zu erfahren, auch nicht vom Stadtoberhaupt Sven Schulze, der den Stadtrat in der vergangenen Woche zwar informierte, Gespräche geführt zu haben, sich inhaltlich jedoch völlig bedeckt hielt. Außer, diese Bemerkung war interessant, dass die Stadt kein Hotel betreiben wird.
Offensichtlich wurde wenig in das Haus und seinen Erhalt investiert, die Besucher- und Geldströme zum Kulturhauptstadtjahr wurden abgeschöpft und mitgenommen, nun bleiben 53 Beschäftigte zurück, verlieren ihre Existenzgrundlage, ihre Anstellung. Die 50-jährige Hoteltradition ist bedroht.
Dabei sollte doch gerade Eigentum verpflichten. Pflichten, Verantwortungen gäbe es da einige. Da sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hotels und ihre Familien. Da ist das zu Recht unter Schutz stehende Bauensemble mit Stadthalle und heutigem Carlowitz-Congress-Center, der Park an der Straße der Nationen und eben das Hotel. Auch die Stadt und ihre Bevölkerung sollten nicht vergessen werden, wenn so ein heimatprägendes Haus mitten im Zentrum betrieben wird, dessen Gastronomie lange genug schon geschlossen war in den vergangenen Jahren, statt für die Chemnitzerinnen und Chemnitzer, ihre Gäste offen zu stehen, einen Einblick in das Haus zu ermöglichen und einen Ausblick über die Heimatstadt.
Ob es wirklich Hoffnung gibt für das Congress-Hotel? Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erarbeiten mit der zuständigen Spartengewerkschaft einen Sozialplan, der zur Verhandlung mit dem „Arbeitgeber“ vorgelegt werden soll, und es gäbe Wünsche, Träume zur Übernahme durch einen anderen Betreiber. Solidaritätsbekundungen gab es in den vergangenen Tagen ebenso, u. a. vom Politiker Gregor Gysi, wohl der bekannteste Unterstützer, der neulich erst zwei Nächte eingecheckt hatte und sich als Gesprächs- und Verhandlungspartner anbietet, aber auch vom örtlichen Bündnis Sahra Wagenknecht kam Unterstützung.
In der lokalen Presse überschlugen sich die Beiträge, bis zur Kurzreportage einer Journalistin, die für ihren gelungenen Beitrag extra die Tasche packte und ins Hotel umzog.
Schade, dass es nicht in der Vergangenheit so viel Aufmerksamkeit gab. Die bedenkliche Veränderung der Fassade zu Beginn der 1990er Jahre hätte schon Anlass sein können, denn damit wurde das Bild deutlich zu Ungunsten verändert, die Betreiberwechsel, die Besitzwechsel, die immer wieder geschlossene oder von Schließung bedrohte Gastronomie und die Debatte im Allgemeinen, welche Übernachtungskapazitäten und welche Qualität der Häuser braucht unsere Stadt wirklich?
Selbst das KUHAJA 2025 konnte die Betreiber insgesamt nicht zufriedenstellen, wenn man den Aussagen aus den Medien Glauben schenkt, und kaum einer derer, die sich äußerten, verstreute übermäßig Hoffnung auf kommende Zeiten.
Gar keine Beachtung in der Öffentlichkeit fand im Übrigen der Abriss des Probebaus des Hotels auf dem Gelände des Krankenhauses im Küchwald. Da gab es auch keine Chance, Öffentlichkeit zu interessieren, davon wollte niemand etwas wissen. In dem Bau waren ursprünglich ein Betriebskindergarten und kleine Wohnungen für Mitarbeiter eingerichtet. Sang- und klanglos verschwand dieses Kleinod aus unserer Stadt, für immer.
Ob seinem großen Pendant dieses Schicksal erspart bleibt?
Sicher braucht es da Ideen und Initiative – ob eine Sporthalle hinter das Gebäude des Rats des Bezirkes und die Kunstsammlungen gequetscht, helfen wird, wie von der CDU im Stadtrat wiederholt als Lösung angeboten, bleibt fraglich, und eine Realisierung würde auch noch ein paar Tage dauern. Aber es ist richtig, ernsthafte offene Debatten zur Innenstadt zu führen, schnelle Lösungen werden da aber auf sich warten lassen.
Genau das Gegenteil von dem zu versuchen, was der Oberbürgermeister meinte, sollte bedacht werden – warum nicht über kommunale Wirtschaft ein Hotel betreiben mit Stadthalle und Congress-Center – oder eben eine Mischform zum Wohle der Stadt mit vergesellschafteten Immobilienverwaltern? Oder das Fußballstadion „Fischerwiese“ gegen das Hotel eintauschen?
Also, Gespräche auf allen Ebenen mit allen Verantwortlichen und Interessierten, gern mit natürlich Gregor Gysi und Sven Schulze.
Enrico Hilbert
Stadtrat
parteilos für das BSW in Chemnitz




